Gespspräch der Zärtlichkeit

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Gespräch und Zärtlichkeit

von Wolfram Reda

„Gewalt hat kein Geschlecht“ (Angela Geißler im WDR 5)

„Du kannst gleich wieder gehen!“ schrie Friederike von oben hinab ins Treppenhaus. „Hau´ ab! Geh´ zu Deinen Eichhörnchen!“ – Als er den Treppenabsatz vor der Wohnungstür erreicht hatte, sprang sie auf ihn zu und schlug ihm ins Gesicht. „Die ganze Woche lässt Du mich mit den Kindern allein, und wenn Du endlich kommst, bist Du eine Stunde zu spät!“ – Er winkelte seinen rechten Arm an, um ihre Schläge abzuwehren. „Hör´ auf, Friederike,“ sagte er ärgerlich. „Ja, ich bin zwanzig Minuten zu spät, Verzeihung, der Zug hatte Verspätung.“ – Sie schlug und kratzte seinen vorgehaltenen Arm und wo immer sie ihn erreichen konnte. „Ich reiße mir die ganze Woche lang ein Bein aus, und wenn ich Dich mal brauche, dann bist Du nicht da. Hau´ ab! Verschwinde!“ – Friederike war einen Kopf kleiner als Hellmut. Ihr schmales dreieckiges Kinn glühte. Ihr dünnhäutiger Schmollmund gab ihr das Aussehen eines kleinen Mädchen, das um seine Hälfte des Kuchens betrogen worden war. Hellmut fasste sie am Kragen ihrer Bluse und streckte seinen Arm aus, sodass ihre Schläge ihn nicht mehr erreichen konnten. Friederike schlug und kratzte seinen Ellenbogen und versuchte, ihn vor´s Schienbein zu treten. „Hau ab!“ – „Friederike, hör´ auf,“ wiederholte Hellmut und widerstand der Versuchung, ihr eine Ohrfeige zu geben. „Ich werde nicht gehen,“ sagte er, „ich bin mit Hannah und Esther ebenso verabredet wie mit Dir!“ – Sie kratkzte ihn noch einmal, ihre Fäuste boxten mit nachlassender Kraft seinen Unterarm. „Soll ich Dir die Kinder `rausschicken? Hier kommst Du jedenfalls nicht `rein!“ Sie huschte in die Wohnung und schlug die Tür hinter sich zu. Er hörte, wie sie den Riegel vorschob.

Hellmut blieb allein im Treppenhaus zurück. Es war ihm schon mulmig zumute gewesen, als er sich seinem Hause näherte. Er kannte diese Auftritte seiner Friederike schon; er nannte sie `Begrüßungswüten´. Sie waren ihm peinlich. Denn er bewohnte mit seiner Familie nur das obere Stockwerk der Zwei-Familien-Villa; das Paterre hatte Frau Wollenweber inne, eine siebzigjährige Witwe, die ihn wegen seiner `himmlischen Ruhe´ in ihr Herz geschlossen hatte. Zu Friederike vermied sie den Kontakt. Wahrscheinlich stand sie hinter ihrer Wohnungstür und lauschte.

Hellmut setzte sich auf eine der Treppenstufen, die mit einem hellbraunen Teppich ausgelegt waren. Er fand, dass es hier immer ein wenig bürgerlich roch, wie ein lange nicht geöffneter Kleiderschrank. Ein Fenster auf halber Höhe gab dem Treppenhaus Licht und ermöglichte den Blick auf die Stuckfassade der Nachbar-Villa.

Dass Hellmut mit seiner Familie hier in Münster wohnte, war ein Kompromiss. Friederike arbeitete als Doktorandin im Geschichtswissenschaftlichen Institut der Universität; sie konnte ihre Arbeitsstätte mit dem Fahrrad erreichen. Hellmut war zwanzig Jahre älter als sie; er unterhielt eine gut eingeführte Rechtsanwalts-Kanzlei in Recklinghausen. Meist fuhr er am Abend nach Münster zurück; manchmal übernachtete er auf einem Not-Bett in einem Nebenraum seiner Kanzlei. Friederike beschuldigte ihn, dass diese aushäusigen Nächte nicht durch dienstliche Obliegenheiten motiviert seien, sondern dass er in Recklinghausen eine Herde von `Eichhörnchen´ unterhalte, mit denen er seine Orgien feiere.

Was sollte er tun? Die Verabredung war, dass er eine Woche lang bei Esther und Hannah bleiben sollte, während sie in ihrem alten Renault R4 ihren Vater, ihre Schwester und ihre alte Freundin Dörte von Denrath besuchen wollte. Hatte sie ihre Reisepläne aufgegeben? Hatte sie ihn aus blinder Wut weggeschickt? Der Wagen hatte frisch gewaschen vor der Garage gestanden. – Er verfolgte das Muster der Tapete im Treppenhaus: Rosenranken mit Blättern und Blüten an einem unendlichen dunklen Spalier. Freut Euch des Lebens! – Nein, er würde sich von Friederike nicht hinauswerfen lassen. Hier galt es, Haltung zu zeigen und die Dinge in der Hand zu behalten. Er freute sich auf die Woche mit Hannah und Esther. Er hatte seine Arbeit in der Kanzlei entsprechend eingerichtet und mit seinem Assistenten abgesprochen: keine auswärtigen Termine, ein paar dringende Schiftsätze ließen sich zu Hause erledigen, am Donnerstag würde er Esther und Hannah in die Kanzlei mitnehmen und am Abend mit ihnen die Probe des Musikvereins besuchen, in dem er Posaune spielte. Das kannten sie schon.

Schluss jetzt! Ran an den Feind, Torero! Er stand auf, öffnete die Haustür, klingelte noch einmal bei `Hagedorn´ und stieg die Treppe hinauf. Friederike schoss aus der Wohnung: „Hau´ ab, habe ich Dir gesagt, verdammter Mistkerl, geh´ dahin, wo der Pfeffer wächst! – Da!“ Sie zielte eine Suppentasse, die sie gerade abgetrocknet hatte, in Richtung seines Kopfes. Er duckte sich. Das dicke Porzellan traf auf die Fensterscheibe, die klirrend zerbarst. – Stille – Frau Wollenweber öffnete ihre Wohnungstür: „Frau Hagedorn!“ rief sie missbilligend. Friederike zog sich in ihre Küche zurück. Hellmut folgte.

„Für alle hast Du Zeit, für Deine Klienten, für Deine Musik, für Deine Freunde, nur für mich bist Du nicht da,“ begann Friederike erneut. – In der Küche duftete es verführerisch nach frisch gebackenem Kuchen. – „Wo sind Hannah und Esther?“ fragte Hellmut. – Friederike begann, das Geschirr abzutrocknen, das auf der Spüle stand. „Die habe ich zu Bett geschickt.“ – „So früh? Warum?“ – „Das können sie Dir selbst erzählen!“ – „Wie war es im Historischen Institut?“ fragte Hellmut. – Jemand klopfte an die Wohnungstür. „Die Tönnies ist mit meinem Fragebogen immer noch nicht zufrieden. Sie will, dass ich noch dreißig Frauen auftreibe, die vor 1920 geboren sind. Die Interviews werden wohl alle an mir hängen bleiben.“ – Es klopfte lauter, eine Männerstimme rief: „Herr Hagedorn?“ – „Die Tönnies tut nichts, sie ist ja die Frau Professorin. Aber hinterher schreibt sie das schlaue Buch über `Frauen im Nationalsozialismus´. Und wer hat die Arbeit getan?“ lamentierte Friederike. – Hellmut sah sie fragend an und deutete zur Tür. Friederike hob ihre Schultern und senkte ihre Mundwinkel. „Keine Ahnung!“

„Guten Abend. Sie sind Herr Hagedorn?“ Ein junger Polizist und eine ebenso junge Polizistin standen vor Hellmut, als er die Wohnungstür öffnete. – „Frau Wollenweber hat uns gerufen. Sie fühlt sich durch die häusliche Gewalt belästigt, die von Ihrer Wohnung ausgeht.“ – Hellmut führte die Beamten ins Wohnzimmer, Friederike kam hinzu. – „Waas ist vorgefallen?“ fragte der Polizist. Die Polizistin zog Notizblock und Kugelschreiber aus ihrer Uniform. – „Sie brauchen sich nicht zu bemühen,“ sagte Hellmut. „Wie Sie sehen, haben sich die Wogen schon geglättet.“ – „Wovon ist der Streit ausgegangen?“ beharrte der Polizist. – „Meine Frau hat sich beschwert, dass ich zum vereinbarten Termin ein paar Minuten zu spät gekommen bin.“ – Der Beamte bemühte sich, einen dramatischen Tatbestand zutage zu fördern, doch bekam er von den Ehepartnern nur äußerst zurückhaltende Antworten auf seine Fragen. Frau Hagedorn saß auf dem Sofa, ein offensichtlich eingeschüchtertes Opfer, und gab nicht die erwartete Darstellung brutaler Handlungen ihres Ehegatten ab. Dieser verstand es, in ruhigen, wohlgesetzten Worten nichts zu sagen. Wahrscheinlich Lehrer von Beruf. Der Polizist versuchte noch einmal, Substanz zu gewinnen, indem er sich an Herrn Hagedorn wandte: „Und dann haben Sie die Fensterscheibe zerdeppert?“ – „Nein, das ist meiner Frau passiert. Wir werden den entstandenen Sachschaden selbstverständlich ersetzen.“ – „Notwehr,“ sagte der Polizist und deutete mit dem Kinn auf die Notizen seiner Kollegin. – „Frau Hagedorn, möchten Sie Anzeige gegen Ihren Mann erstatten?“ – Hellmut lächelte entspannt. – „Nein,“ sagte Friederike. – Der Polizist nahm den wortgewandten Familienvater in den Blick: „Dennoch muss ich Sie ermahnen, keine Gewalt gegen Ihre Frau anzuwenden. Im Wiederholungsfalle müssten wir Sie für eine gewisse Zeit aus der Wohnung verweisen!“ – Die Polizistin steckte Notizblock und Kugelschreiber ein. – „Haben Sie noch Fragen?“ sagte der Polizist und sah die Ehefrau an. Dann erhob sich das grüne Duo; Hellmut begleitete sie treppab zur Haustür. – „Wir werden ganz konventionell in die Kriminalstatistik eingehen,“ sagte Hellmut, als er Friederike in der Küche traf, „Du als das arme Opfer, ich als der böse Gewalt-Täter.“ – „Du hättest Dich wehren können,“ gab Friederike zurück. „Sag´ der Frau Wollenweber mal: sie braucht sich hier garnicht als Hausdrache aufzuspielen, auch wenn sie schon vierzig Jahre hier wohnt. Du kannst es ja so gut mit ihr!“ – „Sechsunddreißig.“ – „Egal.“

Unten im Streifenwagen musste die junge Polizistin gestehen, dass sie keinerlei auffällige Spuren der Gewaltanwendung an Frau Hagedorn entdeckt hatte: zerrissene Kleidung etwa, Hautrötungen, Kratzer, blaue Flecken. Lediglich ihre dünnen Haare hätte möglicherweise eine Bürste nötig gehabt. – „Und der Mann, wies er Spuren auf?“ – „Sein Gesicht war gerötet, wahrscheinlich hatte er sich furchtbar aufgeregt.“

Friederike stellte das Geschirr in den Küchenschrank zurück, Hellmut lehnte am Fenster und wartete darauf, dass sie sich verabschiedete. „Bitte verwöhne die Kinder nicht eine Woche lang,“ ermahnte sie ihn. „Sonst habe ich hinterher die Schwierigkeiten mit ihnen! Steck´ sie rechtzeitig ins Bett, halb neun ist die absolute Grenze! Beteilige sie an der Hausabeit und koche ihnen nicht nur ihre Lieblingsgerichte. Achte darauf, dass sie viel Gemüse essen! Sieh´ zu, dass sie sich anständig waschen und sich nach den Mahlzeiten die Zähne putzen! Setzt nicht das ganze Badezimmer unter Wasser! Und zieh´ sie warm genug an, wenn Ihr ´rausgeht, damit sie sich nicht erkälten!“ Sie goss sich ein Glas Wasser ein und trank. „Lass´ die Kinder sich auch mal allein beschäftigen – und bitte, bitte, stopfe sie nicht mit Schokolade voll!“

Sie horchte an der Tür des Kinderzimmers: die Kinder sprachen leise miteinander. Sie blickte sich im Wohnzimmer um und ordnete die Zeitungen, die auf einem Tischchen gestapelt lagen. Da war es wieder, dieses Gefühl: am liebsten wäre sie garnicht gefahren. Während ihrer Abwesenheit wütde es hier drunter und drüber gehen. Aber sie wollte ihren Vater und ihre Schwester besuchen! Sie hatte es sich seit langem vorgenommen und sich Wochen im voraus bei ihnen angemeldet. Sie trug ihren Koffer und die Reisetasche in den Flur.

„Lass´ die Wohnung nicht verwahrlosen und setz´ die Waschmaschine mal in Gang! – Weißt Du, wie man die Wäsche sortiert?“ – „Mach´ Dir keine überflüssigen Sorgen, Friederike! Wir werden uns eine schöne Ferienwoche machen und trotzdem wird der Müll sich nicht in der Wohnung stapeln und Du wirst Esther und Hannah nicht als verzogene Monster vorfinden, wenn Du zurückkommst.“ – „Du hast gut reden! Du bist danach wieder in Deiner Kanzlei und ich muss alle Fehler allein ausbaden, die Du Dir mit den Kindern erlaubst!“ – „Nun sei nicht schon im Voraus beleidigt,“ sagte Hellmut. „Ich wünsche Dir eine gute Fahrt und eine freundliche Aufnahme bei Deinen Lieben.“ – „Glaub´ ja nicht, dass ich Mitleid mit Dir habe,“ sagte Friederike, während sie ihr Gepäck aufnahm. „Jetzt kannst Du mal sehen, wie es ist, eine Woche lang mit den Kindern allein zu sein.“

Hellmut schloss die Wohnungstür hinter ihr. Aus dem Wohnzimmer-Fenster beobachtete er, wie sie Koffer und Reisetasche in ihr Auto lud und davon fuhr. – „Mamma mia!“

„Papa, Papa, Papa, Papa! – Was wollten die Polizisten?“ – „Die wollten, dass Mama und ich uns nicht so laut streiten.“ – Die Rollladen vor den Fenstern des Kinderzimmers waren heruntergelassen, aber die Vorhänge waren nicht zugezogen; die Abenddämmerung drang durch die Ritzen der Jalousien: `Eine Straflager-Atmosphäre,´ dachte Hellmut. Er schaltete das Licht ein und begrüßte Esther, seine jüngere Tochter, und Hannah, die ältere. – „Papa, Papa, wir haben neue Inline-Skates!“ – Die beräderten roten Stiefel standen vor den beiden Betten. Hannah warf die Decke von sich, schwang sich aus dem Bett und zeigte Hellmut die leichtgängigen Rollen: „Guck´ mal, wie glatt sie sich drehen!“ – Esther steckte ihren Arm in einen der Stiefel und ließ ihn auf seinen „schnellen Rollen“ auf dem Fußboden hin und her gleiten. Auch Hellmut prüfte die Leichtgängigkeit der kugelgelagerten Kunststoffräder. Er war als kleiner Junge noch `Rollschuh´ gefahren. „Habt Ihr sie schon ausprobiert?“ fragte er. – „Nein, nur auf dem Teppich im Flur.“ – „Morgen drehen wir ein paar Runden auf dem Hof,“ versprach Hellmut. – Sorgsam wurden die Skates wieder neben die Betten gestellt.

Hannah wagte sich vorsichtig mit der Sprache heraus: „Papa, wir haben Hunger!“ – „Warum seid Ihr so früh in den Betten?“ – „Wir haben …,“ begann Esther zögernd. Ein lautes Zischen unterbrach ihr Geständnis, – „ach, nichts.“ – Hellmut amüsierte sich; er würde das Geheimnis schon herausfinden. „Ich habe ebenfalls Hunger,“ sagte er. „Zieht Euch bitte einen Pullover über und kommt in die Küche. Wir werden uns ein kleines Abendbrot gönnen.“

Doch die Vorräte im Kühlschrank waren dürftig: keine Wurst, der Schnittkäse wellte sich und die Reste des Brotes in ihrem Holzkasten waren trocken und hart. – „Habt Ihr Appetit auf Pizza?“ fragte Hellmut, als Hannah und Esther in die Küche kamen. – „Jaaa!“ Ihre Augen leuchteten.

In der Wartezeit erzählten die Mädchen ihre Erlebnisse der vergangenen Woche. Die Erfolge im Schwimmkurs wollten gewürdigt werden: Esther konnte „ganz lange“ tauchen, Hannah vom Dreimeterbrett springen. Klassenarbeiten und Tests, die sie zurückbekommen hatten, luden zu Lobsprüchen ein. – „Und was war mit dem Kuchen, den Mama am Nachmittag gebacken hat?“ – „Den wollte sie zu Opa Richard und Tante Henriette mitnehmen.“ – „Hat sie aber nicht.“ – „Wieso?“ – „Als der Kuchen im Backofen war, hat es auf einmal ganz verbrannt gerochen, und dann hat Mama den Kuchen aus dem Backofen herausgezogen. Er war ganz schwarz oben drauf. Mama hat geschimpft. Dann hat sie versucht, das Schwarze abzuschneiden, aber dann ist der Kuchen aufgeplatzt und der Teig ist ´rausgekommen, er war noch garnicht richtig gebacken, und dann hat Mama den Kuchen auf den Fußboden geworfen und hat darauf herumgetrampelt, und dann hat sie den Kuchen in den Mülleimer geworfen.“ Hannah rutschte vom Stuhl und öffnete den Deckel. „Guck´ mal!“ – Der Kuchen lag zerkrümelt obenauf. Er war nicht zu retten. – „Und deswegen musstet Ihr so früh und ohne Essen ins Bett?“ – „Nein,“ erklärte Esther. „Das war, weil Mama die Blockschokolade nicht gefunden hat. Die wollte sie in den Kuchen tun.“ – „Warum hat sie sie nicht gefunden?“ – „Wir hatten sie nämlich aufgegessen.“ – „Mama kauft uns nie Schokolade!“ ergänzte Hannah. „Nie!!!“ – „Wo habt Ihr das Papier gelassen, in das die Blockschokolade eingewickelt war?“ – „In Frau Wollenwebers Mülleimer.“ – „Clever!“ – Hellmut bewunderte seine Töchter.

Der Pizzadienst klingelte; Hellmut empfing ihn unten an der Haustür. Hannah und Esther standen oben vor der Wohnungstür und sahen zu. Ihre Mägen fieberten dem würzigen Hefeteig-Geruch entgegen, der von den quadratischen Schachteln ausging.

Es wurde spät. Von den beiden Pizzas blieben nur geringe Reste. Hannah und Esther erzählten ihre Geschichten über ungerechte Lehrer zuende. Herr Peters mochte die Etelka nicht, weil sie nämlich nicht richtig Deutsch konnte, und Herr Neumann hatte eine Schülerin aus der Türkei von ihrer Freundin weg in die letzte Reihe gesetzt, weil sie nach Knoblauch roch, das sie da immer essen.

Hannah und Esther putzten im Badezimmer ihre Zähne, als das Telefon klingelte: Friederike teilte mit, dass sie gerade bei ihrem Vater in Rüsselsheim angekommen sei. „Meine Schwester ist auch hier. Sind die Kinder im Bett?“ – Esther und Hannah standen vor der Tür des Badezimmers und blickten mit angstvollen Augen ihren Vater an. Würde Mama wütend sein, weil sie noch nicht im Bett waren? – Hellmut stellte mit Schrechen fest, dass Esther und Hannah zwar Pullover angezogen hatten, aber mit nackten Füßen auf den kalten Fliesen standen. Er gebot ihnen mit seiner freien Hand ein `Schloss vor dem Mund´ und versprach, er werde gleich noch einmal nachsehen, ob sie wirklich schlafen. „Gute Nacht!“ – Esther und Hannah waren erleichtert. Sie drängten sich an ihren Papa. – „Ab in die Betten,“ befahl er, „Ihr habt ja eiskalte Füße!“ – Der Ritus erforderte, dass Hellmut eine Geschichte vorlas, ein Kapitel aus einem Buch, das die Abenteuer eines kleinen Lokomotivführers erzählte. Zum Abschluss sangen sie ein Abendlied, das ihnen geläufig war:

            Der Tag geht nun zuende,

            der Lärm der Stadt verklingt.

            Was Kopf und Herz und Hände

            gebaut, damit es stände,

            in Dämmerung versinkt.

            Die hellen Sonnengluten

            zähl´n and´ren nun die Zeit.

            Die müssen sich jetzt sputen.

            Sie geizen mit Minuten

            vor lauter G´schäftigkeit.

            Uns aber macht der Abend frei,

            zu tun, was uns behagt:

            Musik, Theater, Gärtnerei,

            Sport, Spiel und was es immer sei,

            auch Neues sei gewagt!

            Wenn wir am Abend in uns geh´n:

            „Was hat der Tag gebracht?“

            dann lasst das Gute dankbar steh´n,

            was heut´ nicht ging, wird morgen geh´n.

            Ihr Sorgen, gute Nacht!

            Send´ Deinen Freunden Kraft voran

            und atme ein die Ruh´.

            Jetzt ist erst einmal Schlafen d´ran.

            Was morgen wird, das seh´n wir dann.

            Du wirst geliebt, auch Du!

Hellmut schloss die Tür des Kinderzimmers nicht ganz; Hannah und Esther legten Wert auf den schmalen Spalt, ohne den sie sich ausgesperrt fühlten. Im Wohnzimmer atmete Hellmut auf: endlich frei! Ein Film über `Rassismus als globales Phänomen´ bot sich an. Dem Schwarzen Gerald Alsamoah, Mitglied der Deutschen Fußball-Nationalmannschaft, hatte man zugerufen: „Du bist nicht Deutschland, Du bist BRD.“ Es wurde allgemein als Beleidigung empfunden. – „Genau genommen ist es ein Kompliment,“ dachte Hellmut. „Es bedeutet: Du repräsentierst nicht das Nazi-Deutschland oder das Kaiserreich, in das wir uns zurücksehnen, sondern Du stehst für die liberale, weltoffene Bundesrepublik.“ – So interessant diese Debatte sein mochte, sie passte nicht in Hellmuts Situation (ebenso wenig, wie sie in diese Geschichte passt). Hellmut hätte Wichtigeres zu denken gehabt. Aber infolge ihrer medienwirksamen Aufmachung übersprang die Sendung seine Ichgrenze. Es wird sich rächen.

Wir bleiben am Ball und folgen der Friederike nach Rüsselsheim in das Haus ihres Vaters, des Ingenieurs Richard Röhricht. Es war ein sauberes, aufgeräumtes Haus, das nach frisch gestaubsaugten Teppichböden roch und in dem in Badezimmer und Küche die hochglanzpolierten Armaturen blinkten. Hier gab es keinen auf dem Boden zertrampelten Kuchen. Renate Rotkraut war schon vor gut achtzehn Jahren als `Dienstmädchen´ ins Haus gekommen, bald nach dem frühen Tod der Frau des Ingenieurs, Lea Röhricht. Aktiv und lebensfroh hatte sie mit der ungelenken Hausarbeit des Witwers und seiner Töchter Henriette und Friederike aufgeräumt. Sie hatte die angestrengte Stimmung in der lädierten Familie vom Kopf auf die Füße gestellt: sie öffnete die Fenster, ließ frische Luft und Sonnenschein herein, und sie sang während des Kochens, Bügelns und Putzens die Schlager aus dem Radio mit.

Wie von Friederike bereits am Telefon mitgeteilt, war auchHenriette, die ältere Tochter des Ingenieurs, angereist. Sie leitete in Wiesbaden ein Kinderheim, das ihr wenig freie Zeit ließ. Röhricht und seine Töchter saßen noch um den Abendbrottisch. In einer großen weißen Porzellanschüssel glänzten Reste des Kartoffelsalates, den Henriette aus ihrem Kinderheim mitgebracht hatte. Man verzehrte ihn nach Landessitte mit Scheiben einer in der Pfanne gewärmten Fleischwurst. „Er ist“ – gemeint war der Kartoffelsalat – „eine der Spezialitäten unserer Köchin, Frau Altendorf,“ erklärte Henriette. „Sie bereitet ihn mit gebratenem Speck, mit gebratenen und rohen Zwiebeln, mit Gewürzgurke, gekochtem Ei, mit Essig und Öl natürlich, Mayonnaise und einem Hauch Knoblauch. Einige unserer großen Jungen essen ihn so gern, dass sie freiwillig bei seiner Zubereitung mithelfen, auch wenn sie keinen Küchendienst haben.“

Nach dem Essen verfügte Röhricht sich und seine Töchter ins Wohnzimmer; er und Henriette nahmen in den Sesseln Platz, für Friederike blieb das Sofa. Röhricht öffnete umständlich eine Weinflasche, schenkte ein und prostete seinen Töchtern zu. „Morgen wird es genau zwanzig Jahre her sein, dass Mutter gestorben ist,“ sagte er und lächelte ergeben. – Henriette hatte keine Lust auf tiefsinnige Gespräche. In dieser Familie war immer alles ganz schrecklich vom Ernst des Lebens gesättigt. „Wie habt Ihr Euch kennengelernt?“ fragte sie. – „Lea war Gymnasiastin, sie stand kurz vor dem Abitur. Die Familie suchte einen Nachhilfe-Lehrer für Mathematik und Physik. Ich studierte Ingenieurwissenschaften, also habe ich mich gemeldet.“ – „Und dann habt Ihr Euch ineinander verliebt?“ – „Nicht direkt. Lea begegnete meinen mathematischen Erklärungen mit allerlei Ausflüchten: sie verstehe das nicht, sie sei zu müde, sie habe Kopfschmerzen, es drehe sich alles in ihrem Kopf, `warum muss ich das lernen?´ – Einmal hat sie mich sogar hinausgeworfen. Aber mein Honorar habe ich immer bekommen.“ – „Trotzdem hast Du sie irgendwann geheiratet.“ – Röhricht hielt inne. Ein Lächeln erschien auf seinem sechzigjährigen, faltenlosen Gesicht. „Ich dachte, Frauen sind einfach so. Ich wusste noch nicht, was `Depression´ bedeutet.“

„Hat Dich die Familie der Lea, also unserer Großeltern, nicht abgelehnt? Sie waren doch Juden.“ – „Es war eine sonderbare Familie,“ gab Röhricht zu. „Die Mutter der Lea, also Eure Großmutter, lag tagelang zu Bett oder sie saß im Sessel und starrte vor sich hin. Manchmal weinte sie. Zuweilen schrie sie Lea und ihren Bruder an, sie gingen ihr auf die Nerven, sie könne nicht mehr, sie werde sich das Leben nehmen. Leas älterer Bruder, Johannes, hatte bereits Selbstmord begangen, kurz vor seinem Abitur. Der jüngerer Bruder, Jakob, blieb in seinem Zimmer und malte an einer Staffelei düstere Bilder. Er wollte Künstler werden. – Den Vater habe ich nur einmal gesehen. Das war bei meinem Einstellungsgespräch. Er arbeitete in einem jüdischen Verlag. Die Mutter der Lea hat ja dann der ganzen Familie ein Ende gesetzt, indem sie bei einem Ferien-Aufenhalt in Griechenland das Auto einen Steilhang hinuntergesteuert hat. Nur Lea hat durch ein Wunder überlebt. Sie hat mir irgendwie leidgetan.“ – „Vielleicht war es wirklich nur ein Unfall,“ wiegelte Henriette ab.

„In dieser Familie war es wie früher bei uns,“ sagte Friederike zu ihrem Vater. „Mama lag im Bett und war depressiv, Du warst nicht da und wir mussten uns allein durchbeißen“ – „Was sollte ich denn tun,“ beschwichtigte Röhricht. „Es gab damals viel Arbeit im Werk. Wir stellten die Produktion auf ein neues Modell um, da haben wir alle Überstunden gemacht.“ – „Unsere Mutter hat ja nicht im Bett gelegen, weil sie zu faul zur Hausarbeit war,“ sprang Henriette ein. „Sie hatte von ihrer Mutter einen ordentlichen Anteil Depression abbekommen.“ – „Das stimmt,“ sagte Röhricht. „Sie hat oft darüber geklagt, dass sie sich kraftlos gefühlt hat, erschöpft und überfordert. Gleichzeitig hat sie darunter gelitten, dass sie eine schlechte Hausfrau und Mutter war, wie sie sagte. Sie hat oft geweint und sich bei mir entschuldigt: `Ich kann einfach nicht,´ klagte sie. `Ich bin zu nichts nütze und mache Dir und den Kindern das Leben schwer.´ – Aber ein Dienstmädchen konnten wir uns damals noch nicht leisten.“ – „Hätte sie nicht zum Arzt gehen können, um sich ein Antidepressivum verschreiben zu lassen?“ fragte Friederike. – „Das wollte sie nicht,“ sagte Röhricht. „Sie hat mir immer wieder versprochen, dass sie sich zusammennehmen und sich bessern werde.“ – „Und dann hat sie wahrscheinlich gemerkt, dass sie es nicht konnte. Welch eine ausweglose Situation!“ fiel Henriette ein. – „Ja,“ sagte Röhricht. „In den letzten Wochen vor ihrem Tod hat sie oft davon gesproche, dass alles keinen Sinn habe, die ganze Quälerei. Es sei wohl am besten, wenn sie garnicht da wäre.“ – „Aber Du hättest sie doch irgendwie retten müssen, Du hast doch gesehen, worauf es hinauslief!“ rief Friederike. – „Wenn Vater es gekonnt hätte, dann hätte er es sicher getan,“ sagte Henriette.

Röhricht schwieg. Mit dem geraden Schnitt einer Schere öffnete er einen Beutel Käsegebäck und schüttete dessen Inhalt in ein Schälchen. „Henriette hat Mutter damals viel Hausarbeit abgenommen,“ sagte er. – „Was blieb mir anderes übrig als Verantwortung zu übernehmen? Friederike war ja noch zu klein.“ – „Du hast mir oft genug vorgeworfen, dass ich zu wenig mithelfe,“ brauste Friederike auf. „Ich habe mich oft von Euch beiden ausgeschlossen gefühlt. Ihr wart die Großen, die Bestimmer, und ich war das Küken, das man nicht einbezog und das nichts zu sagen hatte. …“ Die Diskussion wurde zwischen den Schwestern nicht zum ersten Mal geführt; stets schwang eine gewisse Verbitterung mit. Röhricht hielt sich heraus. Er saß ruhig dabei, von Zeit zu Zeit trank er von seinem Wein oder nahm ein Stück Käsegebäck. Manchmal lächelte er. Er genoss den Besuch seiner Töchter. Als er merkte, dass ihm die Augen zufielen, trank er sein Weinglas leer, verabschiedete sich wohlwollend und zog sich in sein Schlafzimmer zurück.

„Ich möchte wissen, wie er mit Mamas depressiven Zuständen zurechtgekommen ist,“ fragte Friederike. – Henriette überlegte: „Ganz einfach, denke ich: er war nicht da. Körperlich war er `im Werk´ und sein Bewusstsein haben Mutters Selbstquälereien nicht wirklich ereicht. Er hat sie nicht wahrgenommen. Er ist Ingenieur. Er versteht Maschinen wie kein anderer, aber Menschen kann er nicht lesen. Noch nicht einmal sich selbst.“ – „Unvorstellbar!“ wandte Friederike ein. – „Das Schlimme ist, dass er es nicht merkt. Er hat sich ein paar Redewendungen und Gesten angewöhnt, die ihn als verständigen Menschen erscheinen lassen. Die Leute, die ihn kennen, nehmen Rücksicht auf seine Seelentaubheit. Er ist ja nicht böse, er ist herzensgut.“ – „Mama hätte einen verständnisvolleren Ehemann nötig gehabt.“ – „Und einen, der sie entschlossener geführt hätte. – Aber ob sie dann länger gelebt hätte, ist fraglich.“

Die Schwestern sprachen über dies und das. Henriette berrichtete von einer Kinderpflegerin, in deren Nachtschichten immer wieder Erstickungs-Anfälle bei drei- und vierjährigen Mädchen auftraten. Schon zweimal musste man den Notarzt rufen. – Aber Friederike hatte noch ein anderes Thema auf der Pfanne. „Manchmal fühle ich mich ebenso krank wie Mama,“ sagte sie. „Ich bin nicht depressiv, ich kann gut arbeiten, ich arbeite sogar mehr als andere. Aber meine Leistung wird nicht geachtet. Niemand sieht, wie sehr ich mich anstrenge. Ich kann so fleißig sein, wie ich will, nie gehöre ich zu den anderen dazu, in der Uni nicht und zu Hause auch nicht.“ – „Du witterst überall Konkurrenz!“ sagte Henriette. – Friederike nahm den Korken der Weinflasche und schleuderte ihn gegen die Wand. „Ich möchte auch mal die Nummer eins sein!

Die beiden Schwestern schwiegen. – „Ich erinnere mich an die Zeit, als unsere Mutter noch lebte,“ begann Henriette erneut. „Da hast Du Dich auch immer darüber beschwert, dass Du zu wenig beachtet wurdest.“ – „Natürlich. Damals hat auch niemand gesehen, wie sehr ich mich angestrengt habe. Ich war ja die Kleine, die nichts konnte. Du hast mir nicht zugetraut, dass ich im Haushalt mithelfe. Ich habe es trotzdem versucht: beim Tisch-Abräumen, beim Geschirr-Spülen, beim Staubsaugen. Dir war meine Arbeit nie gut genug. Du hast mir die Dinge aus der Hand genommenm und Dich hinterher darüber beschwert, dass alle Arbeit an Dir hängen bleibt. Du warst immer die Große, die im Licht gestanden hat. Papa lobt Dich heute noch dafür“ – „Was soll ich darauf sagen? Möglicherweise. Ja. Vielleicht war es so. Aber nicht mit Absicht. Ich war dreizehn, als unsere Mutter starb.“ Henriette nahm einen Schluck aus ihrem Weinglas und stellte es gedankenverloren zurück auf den Tisch. „Ich kann mir gut vorstellen, dass Du Dich oft als das zurückgesetzte kleine Mädchen gefühlt hast, das sich anstrengen musste, um sich in der Familie zu behaupten. Vielleicht siehst Du deswegen überall Konkzrrenz.“

`Seit sie das Kinderheim in Wiesbaden übernommrn hat, ist sie verständnisvoller geworden,´ dachte Friederike. Sie konnte sich weiter öffnen: „Ich habe es satt, mich als die Kleine zu fühlen. Mich kotzt es an, dass ich immer wieder das Gefühl habe, dass alle Leute auf mir herumtrampeln. Wie werde ich es los? Es ist lächerlich: manchmal denke ich, dass sich sogar der Backofen gegen mich verschworen hat.“ – Henriette brauchte eine Weile, um die Wende zu bemerken, die ihre Schwester vollzogen hatte. „Ja,“ sagte sie, „vielleicht siehst Du viel öfter, dass andere Dich und Deine Leistungen klein machen wollen, als es tatsächlich der Fall ist. Du hast es damals so gelernt. – Vielleich lädtst Du Deine Kollegen und Kolleginnen sogar manchmal dazu ein.“ – „Mag sein,“ gab Friederike zu. „Wie werde ich diese Chimären los?“ – Henriette fühlte sich hilflos vor dieser Frage. Sie stand auf, setzte sich zu ihrer Schwester aufs Sofa und nahm sie in den Arm. – „Schon gut,“ sagte Friederike.

Als wir Hellmut verließen, saß er im Wohnzimmer vor dem Fernsehgerät und zog sich irgendetwas Aktuelles `rein, Rassismus war das Stichwort. Weit nach Mitternacht ging er zu Bett. Hier war es wirklich ein Bett, nicht die unbequeme Liege in seiner Kanzlei. Dennoch fand er nicht in den Schlaf. Sein Gehirn wollte nicht zur Ruhe kommen. Selbst Schuld, zu lange Fernsehen geguckt! Über die laute und farbenfrohe Bilderwelt hatte er die eigenen Gedanken vergessen, die leise, aber unablässig an die Tür seines Oberstübchens klopften. Zumindest der Spielfilm mit den zu erwartenden Nacktszenen wäre nicht nötig gewesen. – Hellmut wälzte sich auf die Seite und versuchte einzuschlafen.

Vieles sprach dafür, dass er sich von Friederike trennte: ihre Aggressionen, ihre störrische Unzufriedenheit, ihre sexuelle Verweigerung. Er stellte sich vor, wie sie neben ihm lag. Sie hatte alles, was ihn selig machte: ihr spitzbübisch freches Gesicht, ihre magere Gestalt, den flachen Bauch, die jugendlich schmalen Hüften. Ihre kleinen Brüste mit den harten Nippeln, die so gut in seiner Hand lagen, ihren lichten Busch, der seidig ihre Lippen umkräuselte, ihre Lippen, die ihn weit gespannt umschlossen, wenn er in sie eindrang … Es war ein Paradies, aber sie wollte es nicht mit ihm teilen. Wut kämpfte gegen seine Müdigkeit an. Er hatte es satt, von Friederike zum abgewiesenen Bittsteller gemacht zu werden. Im sicheren Besitz der `Produktionsmittel der Lust´ mockierte sie sich über seine sexuelle Bedürftigkeit, nannte ihn einen geilen Bock, der es nicht wahrhaben wolle, dass er auf die Fünfzig zuging.

Hellmut versuchte, die Wut zu drosseln, in die er sich hineingedacht hatte. – Es war zum Verrücltwerden: er war hier gefangen, während sich auf der freien Wildbahn die willigen jungen Frauen nur so tummelten. – Er wälzte sich auf die andere Seite. – Nichts denken, das war so schwer! Friederike brachte ihn um seinen Schlaf! – Weg, nichts wie weg! – Das war nicht so einfach! Er wäre das Schwein, das abhaut und seine Familie verlässt! – Wie tausend andere! – Er käme als Gast in seine eigene Wohnung, müsste womöglich im Gästezimmer schlafen, er wäre nur noch ein Besuchs-Papa für Hannah und Esther. – Wollte er das? – Hör´ auf zu denken, Du wirst das Problem heute Abend nicht lösen. – Was würden seine Freunde sagen? „Du hast Dich von Friederike getrennt? Das war schon lange fällig!“ – Nur Enno würde fragen: „Was wird mit den Kindern?“ – „Stop!“ sagte Hellmut laut. Er wälzte sich auf seinen Rücken und zog die Notbremse. Ein Taschentuch fing die stoßweise hervorquellende Samenflüssigkeit auf.

Hannah und Esther konnten es kaum erwarten: schon vor dem Frühstück hörte Hellmut das Tack-Tack hart aufgesetzter Inline-Skates. Doch schien der Flur zum Üben ungeeignet. Hellmut empfahl seinen Töchtern den Balkon. Dort gab es ein umlaufendes Gitter zum Festhalten und einen Kunstrasen-Teppich, der die Leichtgängigkeit der Rollen ein wenig dämpfte. Tack-tack-tack-tack.

Gleich nach dem Frühstück wechselten die drei auf den kleinen Hof hinter dem Haus, der mit quadratischen Steinplatten ausgelegt war. Dort half Hellmut Esther und Hannah, indem er sie abwechselnd festhielt, drückte, schob, führte, beim Wiederaufstehen stützte, ermutigte und tröstete. Die an Knien, Ellenbogen und Händen befestigten Protektoren aus schwarzem Plastik bestanden ihre ersten Bewährungsproben. Hellmut freute sich am Eifer seiner Töchter und war mit ihnen stolz über die ersten Meter freien Gleitens: auf wackeligen Beinen, mit vielen Ausgleichsbewegungen und angestrengten Gesichtern. Das Ideal des leichtfüßigen Dahinrollens schien in weite Ferne gerückt, aber der Ehrgeiz war ungebrochen. Tack-tack-tack-tack.

Frau Wollenweber öffnete ihr Küchenfenster und sah dem Treiben auf dem Hof eine Weile lang zu. Hellmut überlegte, ob sie sich möglicherweise gestört fühlte. Aber sie lud die Kinder zu einer Tasse Kakao in ihr Wohnzimmer ein. Gut, eine kleine Pause. Hellmut spürte bereits ein leichtes Ziehen in seinem Rücken.

Inliner und Protektoren blieben im Treppenhaus zurück, dann saßen Esther und Hannah in den viel zu großen Sesseln im fremden, peinlich aufgeräumten Wohnzimmer und warteten darauf, dass Frau Wollenweber mit dem Kakao aus der Küche zurückkäme. Für „Herrn Hagedorn“ und für sich selbst wollte sie Kaffee bereiten. „Mit Milch und Zucker?“ – Es dauerte. Niemand sprach ein Wort. – Nach einer Ewigkeit erschien die alte Dame, legte zwei gehäkelte Untersetzer auf die kostbare Onyx-Platte des Couch-Tisches und stellte die Kakao-Becher darauf ab. Sie füllte eine Schale mit Keksen, die eine dicke braune Schicht trugen. „Ihr mögt doch Schokolade?“ fragte sie. – Hannah und Esther antworteten nicht, sie blickten mit großen Augen ihren Vater an. – „Ihr könnt Frau Wollenweber ruhig gestehen, dass Ihr gern Schokolade esst,“ forderte Hellmut seine Töchter auf. – „Na, dann langt zu, nach dem Rollschuh-Fahren seid Ihr sicher hungrig.“

Hellmut entschuldigte sich für den Krach, den es gestern Abend im Treppenhaus gegeben habe, und für die kaputte Fensterscheibe. „Der Glaser ist schon bestellt.“ – „Ach,“ sagte Frau Wollenweber, „das ging gestern schon den ganzen Nachmittag so. Erst hat Ihre Frau im Garten mit den Kindern herumgeschimpft, dann ging es oben in der Wohnung weiter. Ich kriege ja alles mit, wenn die Fenster offenstehen.“ Auf Frau Wollenwebers breitem Gesicht zog ein verschmitztes Lächeln auf. „Als sie dann am Abend mit Ihnen anfing, kaum dass Sie zur Tür herein waren, da habe ich die Polizei gerufen. Ich wollte ihrer Frau deutlich machen: so geht es nicht!“ – Frau Wollnwebers Gesicht zeigte sich bewölkt: „Ich verstehe nicht, warum Ihre Frau mit den Kindern immer schimpfen muss. Sie sind doch so lieb!“ – Frau Wollenweber sah erst Hannah, dann Esther eindringlich an. „Nicht?“ fragte sie herausfordernd. – Die beiden Mädchen sahen ihren Vater an und schwiegen. Esther bewegte mit mühsam geschlossenen Lippen einen der großen Schokoladenkekse in ihren dünnhäutigen Backen.

„Es ist schade, dass Sie so häufig weg sind,“ wandte sich Frau Wollenweber an Hellmut. Der fühlte sich schlecht, weil er doch vielleicht künftig noch viel häufiger „weg“ wäre. – „Haben Sie auch Kinder?“ fragte er hastig. – „Ja,“ sagte die alte Dame und ihr breites Gesicht war von Trauer überschattet, „Ein Mädchen und einen Jungen. Aber die wollten damals nicht mitkommen, als wir aus der DDR geflohen sind. Sie glaubten an den `Genossen Ulbricht´ und an die Partei. Jetzt sind sie Mitte vierzig und leben immer noch drüben in Karl-Marx-Stadt, also Chemnitz. – Na, jedem das Seine!“ – Während Frau Wollenweber über ihre Kinder und ihre Zeit in der DDR erzählte, betrachtete Hellmut Esther und Hannah, wie sie da klein und schmal in den viel zu großen Sesseln saßen. „Sie sind nicht nur lieb, sie sind außerdem eingeschüchtert,“ dachte er. „Wie kann ich ihnen dazu verhelfen, dass sie sich mehr ins Gespräch einbringen, von sich erzählen?“ Mit Frau Wollenweber schien das schwierig zu sein.

Es dauerte nicht lange, bis es bei Frau Wollenweber und bei Hagedorns Sturm läutete. Ein Lehrjunge der Glaserei wollte das Fenster abholen. Hellmut nahm die Gelegenheit zum Aufbruch wahr. „Ich hoffe, Sie fühlen sich nicht durch das Tack-Tack der Rollschuhe gestört,“ sagte er. „Heute brauchen wir noch die Hauswand zum Festhalten. Morgen werden wir unser Aktionsfeld auf den Parkplatz des Supermarktes verlegen.“ – Die Schüssel mit den Schokoladenkeksen war fast leer.

Friederike hatte den Kindern und Hellmut eine `normale Mittagspause´ befohlen: Hannah und Esther hatten in ihrem Zimmer zu verschwinden, in die Betten zu kriechen und zu schlafen oder zumindest Ruhe zu halten. Hellmut sollte darauf achten, dass die Mittagsruhe mindestens eine Stunde lang eingehalten wurde. Er hatte sich vorgenommen, einen Schriftsatz vorzubereiten, den er zu Anfang der nächsten Woche auf den Weg bringen wollte. Auf dem Küchentisch breitete er seine Arbeismaterialien aus: den einschlägigen Gesetzestext in seiner neuesten Fassung, die wichtigsten Kommentare, Entscheidungen höherer Instanzen und ein Gerät, auf dessen Anschaffung er stolz war. Es handelte sich um einen Computer, der nebst Tastatur und Bildschirm in einem Metallköfferchen untergebracht war. Er hatte an die tausend D-Mark gekostet, stellte aber eine große Arbeitserleichterung dar. Bisher hatte Hellmut eine mechanische Reiseschreibmaschine mit sich herumgetragen. Das Gerät, von Friderike spöttisch `Schlepptop´ genannt, bewies ihm, wie modern er trotz seiner dreiundfünfzig Jahre war.

Die Arbeit verlief nicht ungestört: unter dem Vorwand, zur Toilette zu müssen, Durst zu verspüren oder eine unaufschiebbar wichtige Frage zu haben, brachen Esther und Hannah immer wieder aus dem Kinderzimmer aus. Da Hellmut am Sinn einer strikten Mittagsruhe zweifelte, gelang es ihm nicht, seine Töchter nachhaltig in ihr Zimmer zu verbannen. Am Ende saßen sie mit ihm am Küchentisch: Hannah las und Esther malte ein Bild. So war es für alle gemütlich; die Töchter störten nicht mehr. Hellmut konnte sich auch in ihrem Beisein auf seine Arbeit konzentrieren. Gespräche, Fragen und Bitten waren allerdings untersagt. Umso dringlicher wurden zunächst die Wünsche. Sie veschwanden jedoch unter der Konzentration, mit der Hannah ihr Buch las und Esther ihr Bild malte: ihre Lehrerin, Frau Mattes, vor der Tafel. Esther sang beim Malen vor sich hin, was nicht als Störung empfunden wurde.

Nach der Mittagspause zog es alle wieder nach draußen, denn es war ein sonniger, heißer Tag. Auf dem Rasen hinter dem Haus baute Hellmut das Planschbecken auf. Es war für Hannah und Esther zu klein, aber die beiden liebten es. Sie schafften die alten Förmchen aus dem Sandkasten herbei, die Quietsche-Enten, Fläschchen und Töpfchen, sie zogen ihre Badehöschen an, sprangen ins Wasser und kletterten wieder heraus und hatten immer neue Einfälle zu spannenden Spielen. Hellmut saß abseits im Schatten eines Apfelbaumes und las in einem schwedischen Kriminalroman; bisweilen schaute er auf und freute sich an den unbeschwerten Freuden seiner Töchter. Auf einem Tisch standen Gläser und eine Thermoskanne mit kühlem Orangensaft.

Nach kurzer Zeit kam Brigitte hinzu, eine Freundin der Familie, und ihre Tochter Barbara. Barbara war etwas älter als Hannah und Esther, aber die drei spielten gern zusammen. „Kann Barbara ein paar Stunden bei Euch bleiben? Georg und ich möchten etwas Zeit für uns haben.“ – Brigitte sah zum Anbeißen aus. Ihre Augen leuchteten, ihre Wangen glühten, ihre ganze Gestalt strahlte Sinnlichkeit aus.

Die Kinder fanden schnell zusammen. „Papa, dürfen wir uns ganz ausziehen? Barbara hat keinen Badeanzug dabei.“ – Hellmut stockte. „Wird es nicht verrufen aussehen, ich als alter Mann allein mit drei kleinen nackten Mädchen?“ wandte er sich an Brigitte. – „Gewiss,“ platzte die mit übermütigem Lachen heraus. „Ganz pornographisch! Wenn Frau Wollenweber Euch sieht, wird sie sofort die Sitten-Polizei rufen!“

Brigitte verabschiedete sich von ihrer Tochter mit einem Küsschen. Schelmisch drohte sie mit ihrem Zeigefinger. „Du weißt schon!“ – Barbara bemühte sich, die Mahnung ihrer Mutter nicht zur Kenntnis zu nehmen; sie erinnerte sie unangenehm an ihr `Übergewicht´. Barbara war nicht nur älter als die Hagedorn-Töchter, sie war auch größer und fülliger: ihr Bauch und ihre Brüste wölbten sich vor, ihre Arme und Schenkel waren drall, ihr Gesicht machte einen derben und abweisenden Eindruck. Aber sie war ein fröhliches und gutwilliges Kind. – „Sie gleicht einer Schmetterlingsraupe, die genügend Energie gesammelt hat, um sich alsbald zu verpuppen und in eine attraktive junge Frau zu verwandeln,“ dachte Hellmut.

Er hatte sich wieder in den Schatten seines Baumes zurückgezogen, die Mädchen plantschten, übergossen sich mit Wasser, bespritzten einander, liefen juchzend über den Rasen. Hellmut kam, so spannend das Buch auch war, das er in seiner Hand hielt, kaum zu seiner Lektüre. Die Mädchen, die mit ihren nackten Körpern im prallwn Sonnenschein herumtollten, versetzten ihn in eine federleichte Stimmung, prickelnd wie Sekt.

Als die drei Nymphchen von ihren Wasserspielen genug hatten, versorgte er sie mit Marmeladenbroten. Von der süßen, fruchtigen Massse wurden die Wespen angelockt. Die Mädchen rannten, um ihnen zu entkommen, kopflos und mit schrillen Schreien der Angst auf dem Rasen hin und her. Hellmut brachte sie und die Brote in der Gartenlaube in Sicherheit.

Es war Abend. Esther und Hannah waren im Bett, Hellmut hatte das Abendlied mit ihnen gesungen und machte es sich im Wohnzimmer gemütlich. Auch er trank gern Rotwein. Er griff zu der Wochenzeitung, die im Stapel auf dem kleinen Tisch obenauf lag, und blätterte darin. Die Zeitung war viel zu umfangreich. Es gelang ihm nie, auch nur die wichtigsten Artikel zu lesen, bevor die nächste Ausgabe im Briefkasten steckte. Der Stapel der verlagsfrischen Exemplare wuchs bedrohlich; man konnte sie doch nicht ungelesen in den Papiermüll werfen!

Beim Blättern geriet Hellmut auf die Seite mit den Partnerschafts-Anzeigen. Hier hatte vor Jahren seine Beziehung zu Friederike begonnen. `GESPRÄCH UND ZÄRTLICHKEIT´ war der Aufmacher seiner Annonce gewesen. Er hatte Zuschriften von vierundvierzig Frauen und zwei Männern erhalten. Warum hatte ausgerechnet Friederike den Preis gewonnen?

Ihre jugendliche Ausstrahlung hatte ihm gefallen. Sie war gebildet, kannte sich aus in Literatur und Musik. Vor der Lamberti-Kirche in Münster hatten sie sich zum ersten Mal getroffen. – „Sie sind zu spät,“ hatte die fremde Frau ihn kritisiert. „Warum haben Sie sich so fein gemacht? Glauben Sie, mit Ihrem Schlips können Sie mir imponieren?“

Im grauen Nieselregen standen die beiden unter getrennten Schirmen. Die strenge Fassade mit den Wiedertäuferkäfigen hoch oben bot keinen Schutz. Er lud `Frau Röhricht´ in ein Café ein, das sie auswählte, denn ihr war die Stadt bekannt. Warum hatte er nicht auf dem Absatz kehrt gemacht?

Hellmut war den Beschuss seitens einer Frau von Kind auf gewohnt. Seine Mutter war eine Meisterin darin gewesen, Regeln zu erfinden und Abweichungen scharfzüngig anzuprangern: „Zappel´ nicht so ´rum, sitz´ gerade, hör´ auf zu singen, grün zu blau trägt jede Sau!“ – Man sollte vermuten, dass Hellmut angesichts dieser Erfahrungen so schnell wie möglich die Flucht ergriffen hätte. Das Gegenteil war der Fall: Friederike schien ihm vertraut, sie strahlte eine heimelige, mütterliche Atmosphäre aus. Mit einer solchen Frau wusste er umzugehen. Schon in den ersten Minuten entstand zwischen den beiden eine geheime Resonanz. Er konnte ihre feinsten Verhaltensweisen lesen und sensibel darauf eingehen.

Hellmut faltete die Wochenzeitung zusammen und legte sie beiseite. Friederike war schuld an den Disharmonien seiner Ehe. Ständig fühlte sie sich gekränkt, auch wenn er garkeine Kritik beabsichtigt hatte. – Aber das war nicht der wichgste Punkt. Hellmut war nicht harmoniesüchtig. Sonst hätte er nicht Rechtsanwalt werden können. Schwerer wog ihr fundamentaler Mangel an Lebensfreude. Sie nahm alles so ernst, so schwer, so wichtig. Oft gab sie ihm das Gefühl, er sei für alle Freude in der Familie allein zuständig.

Und dann ihre sinnliche Verweigerung! Von Anfang an hatte sie den Freuden des Körpers wenig Interesse entgegengebracht: ein gutes Essen bedeutete ihr nichts, ein Nachmittag in einem Freibad machte ihr kein Vergnügen und nachdem sie beschlossen hatten zu heiraten, hatte sie seine erotischen Initiativen abgewehrt, sie als primitiv und tierisch bezeichnet. Schon Komplimente, die sich auf ihren Körper bezogen, pflegte sie entrüstet abzuwehren: „Ich bin keine Preis-Stute!“ – Hatte sie schlechte Erfahrungen hinter sich, war sie missbraucht worden? Auf seine besorgte Frage, warum sie so wenig sexuelle Lust verspüre, hatte es einen Wutausbruch gegeben: „Ich wusste garnicht, dass Du für meine Leistungen im Bett Noten erteilst. Da bin ich ja wohl durchgefallen! – Glaub´ ja nicht, dass ich jetzt beim Herrn Schulmeister in die Lehre gehe!“ – „Warum hast Du Dich ausgerechnet auf eine Anzeige gemeldet, in der die Zärtlichkeit als eine Säule der Beziehung herausgestellt wurde?“ hatte er sie gefragt. – „Ich dachte, dass Du ein ganz normaler Mann bist und nicht so ein Sexoholic.“

Bevor er Friederike geheirate hatte, war er ein `einsamer Wolf´ gewesen, immer auf der Jagd. Seine Beziehungen zu Frauen hatten nie lange gedauert, oft hatte er mehrere intime Freundschaften zugleich unterhalten. Wenn eine seiner unglücklichen Geliebten ihm gestanden hatte: „Ich liebe Dich“, hatte er sich über seinen Erfolg gefreut; gleichzeitig hatte er um seine Freiheit gefürchtet und Reißaus genommen. Dieses Leben war nicht ohne Reiz, aber es hatte etwas Dranghaftes, Unfreies, und es war aufwändig. Er hatte sich vorgeworfen, dass er als Üervierzigjähriger sein Sexualleben immer noch nicht krisenfest geordnet hatte. Deswegen hatte er die Anzeige aufgegeben, mit der er nach Gespräch und Zärtlichkeit suchte. Das war es, was er brauchte, das war, was er geben konnte. Seine Freunde hatten ihm allerdins von Friederike abgeraten.

Wenn er Friederike mit der Frau verglich, die er sich damals vorgestellt hatte, gab es fundamentale Unterschiede. Seine Wünsche waren immer noch dieselben: Er wollte endlich `zu Hause´ sein. Er wollte ruhig und harmonisch mit ihr und den Kindern zusammenleben. Er wollte einfachen, unproblematischen Sex. Nie hätte er daran gedacht, Friederike zu vergewaltigen. Aber er wollte auch nicht zu sexueller Abstinenz gezwungen werden. Das war ebenfalls Vergewaltigung.

Der Versuch, mit Friederike auf der Basis von Gespräch und Zärtlichkeit zusammenzuleben, war fehlgeschlagen, das musste er sich eingestehen.

Die Richtung stimmte, aber bei der Personalauswahl hatte er sich geirrt. Friederike verhielt sich in vielen Situationen ähnlich wie seine Mutter, das hatte ihm ein Gefühl von Heimat gegeben: angekommen zu sein. Aber es gab einen wichtigen Unterschied zwischen seiner Mutter und Friederike: seine Mutter wusste bei all ihrer Meckerei, was gut für ihn war, und verhielt sich entsprechend. Er konnte nicht erwarten, dass Friederike ebenso mütterlich für ihn sorgte. Sie hatte ihre eigenen Ziele.

Was tun? Wollte er sich wirklich von Friederike trennen? Es würde bedeuten, dass er Esther und Hannah im Stich ließ. Wollte er künftig Gast in seiner eigenen Wohnung sein? Wollte er das Schwein sein, das sich aus der Verantwortung für seine Familie davonschlich? Es wäre einfacher, wenn Friederike ihn hinauswürfe. Sollte er darauf warten? Sie würde es nicht tun, so mutig war sie nicht. Es war an ihm, eine Entscheidung zu treffen.

Sie zog ihn herunter. Es gab keine andere Wahl, wenn er sich seine zufriedene Grundstimmung erhalten wollte. Er wollte nicht so lange warten, bis er verbittert war wie der Kollege Steinhauer, der schon durch sein mürrisches Gesicht alle Menschen gegen sich aufbrachte. Hier, in der gemeinsamen Wohnung mit Friederike, fühlte er sich ständig angespannt. Er war auf der Hut vor ihren Ausfällen. Er hatte eine ständige Missstimmung an sich bemerkt. Er geriet in Wut, sobald er die Wohnung betrat und Friederikes grundloses Gezeter hörte. Er reagierte gereizt, wenn sie sich ohne weiteres vor ihm auszog, um zu Bett zu gehen. Er vibrierte vor Zorn, wenn sie unter der gemeinsamen Decke neben ihm lag, ihm ihren leicht bekleideten Hintern entgegenstreckte und ihm jede Berührung verwehrte. Oft stand er dann auf, setzte sich ins Wohnzimmer und las eine Stunde lang die Zeitung, Das war doch kein Leben!

Nein, er würde sich von Friederike trennen! – Oder nicht? – Oder doch? – Hellmut griff zum Fernsehprogramm. – Nein, die Entscheidung musste endlich gedfällt werden!

Genau genommen musste man unterscheiden: nur von Friederike wollte er sich trennen, nicht von Esther und Hannah. Im Verhältnis zu ihnen würde sich nichts ändern. Er würde an allen Wochenenden mit ihnen zusammensein und selbstverständlich während der Ferien. Die Wochentage ohne ihn müssten sie aushalten. So gesund waren sie. Er würde sich eine Wohnung nehmen, groß genug, dass Hannah und Esther ihn dort besuchen konnten, und in der Nähe seiner Kanzlei, sodass er weiterhin kein Auto brauchte. Das war die Lösung! Hellmut fühlte sich erleichtert.

            Dornröschen war ein schönes Kind, schönes Kind, schönes Kind,

            Dornröschen war ein schönes Kind, schö-nes Kind.

            Da kam die böse Fee herein, Fee herein, Fee herein,

            da kam die böse Fee herein, Fee her-ein.

            Dornröschen, schlafe hundert Jahr´, hundert Jahr´, hundert Jahr´,

            Dornröschen, schlafe hundert Jahr´und al-le mit!

            Da schlief Dornröschen hundert Jahr´, hundert Jahr´, hundert

            Jahr´,

            da schlief Dornröschen hundert Jahr´und al-le mit.

            Und eine Hecke riesengroß, riesengroß, riesengroß,

            und eine Hecke riesengroß wuchs um das Schloss.

Auf dem Tisch im Kinderzimmer hatten Esther, Hannah und Hellmut aus Bauklötzen ein rundes griechisches Theater errichtet. Pastik-Männchen saßen auf den Rängen und verfolgten gespannt das Spiel auf der Bühne. Dort war eine große Hecke gewachsen. Hannah hatte sie auf ein Blatt Papier gemalt, das nun, dicht an der Rampe zwischen Bauklötzen eingespannt, die Sicht der Zuschauer auf den hinteren Teil der Bühne versperrte. Auch die Akteure auf der Bühne waren kleine Plastik-Figuren, denen Esther, Hannah und Hellmut Bewegungen und Stimmen verliehen. Dornröschen und seine Eltern schliefen hinter der Hecke ihren hundertjährigen Schlaf. Rechts neben der Hecke, im Schloss-Tor, schliefen Knurrps, der Wächter, im Sitzen und Harras, der Schloss-Hund, zur Seite gekippt.

            Da kam ein junger Königssohn, Königssohn, Königssohn,

            da kam ein junger Königssohn, Kö-nigs-sohn.

Von Hannahs Hand geführt, ritt der Königssohn auf einem Ochsen an der Rampe entlang auf die Bühne. „Welch eine riesige Hecke ist das,“ sprach er mit Hannahs Stimme. „Ich möchte so gern wissen, was sich hinter der Hecke verbirgt. Aber die Hecke ist so dicht, dass ich nicht hidurchsehen kann. – Lieber Ochse Ottokar, friss doch bitte ein Loch in die Hecke, so groß, dass ich meinen Kopf hindurchstecken kann.“ – Während der Ochse Ottokar an der Hecke knabberte, öffnete sich darin eine kleine Klappe. Der Königssohn steckte seinen Kopf hindurch und war begeistert: „O wie schön, wie wunderschön!“ rief er. „Da liegt Dornröschen in einem goldenen Bett und schläft seinen hundertjährigen Schlaf. Es ist mir zur Frau vorherbestimmt.“ – Der Königssohn tätschelte den Ochsen Ottokar zwischen seinen Hörnern. – „Gehen wir hinein, um Dornröschen aufzuwecken!“ Die beiden ritten durch das Schloss-Tor in den Schlosshof ein. Den Wächter Knurrps und Harras, den Schloss-Hund, übersprangen sie einfach.

Wie von Geisterhand zog Hellmut die Hecke weg, damit das Publikum dem Geschehen im Schlosshof folgen konnte. Von Esther belebt, war die Königin die erste, die aufwachte. Sie blinzelte und rieb sich die Augen. Dann setzte sie sich in ihrem Bett auf und sah den fremden Eindringling vor sich, hoch oben auf seinem rotbunten Reittier. „He, junger Mann, wer sind Sie und was wollen Sie hier?“ fragte sie mit strenger Stimme, die unverkennbar Esther gehörte. – „Ich bin Kunibert, der Königssohn. Dornröschen ist mir zur Frau vorherbestimmt. Ich bin gekommen, um sie wachzuküssen.“ – Die Königin kämpfte mit einem Ohnmachtsanfall. „Unser Dornröschen?!“ rief sie. „Kommen Sie erst mal von Ihrer komischen Kuh herunter.“ – „Ich bin keine Kuh, ich bin der Ochse Ottokar,“ sagte der Ochse beleidigt mit Hellmuts Stimme.

Von draußen war das Quietschen des Gartentores zu hören. Esther rasnnte zum Fenster. „Es ist Mama,“ sagte sie überrascht. – „Die wollte doch erst heute Abend zurückkommen,“ wandte Hellmut ein. – Esther stampfte mit dem Fuß auf: „Ich will nicht, dass sie jetzt kommt!“ – „Aber wir gehen doch noch ein Eis essen?“ vergewisserte sich Hannah. – Hellmut bekräftigte sein Versprechen.

            Er gab Dornröschen einen Kuss, einen Kuss, einen Kuss,

            er gab Dornröschen einen Kuss, ei-nen Kuss.

            Da sind sie alle aufgewacht, aufgewacht, aufgewacht,

            da sind sie alle aufgewacht, auf-ge-wacht.

Hellmut versuchte, das Dornröschen-Spiel wieder in Gang zu bringen. Hannah und Esther gingen darauf ein, aber der Zauber des Theaters war verflogen.

Friderike stellte das Auto vor der Garage ab. Je näher sie dem Haus gekommen war, desto ungeduldiger war sie gefahren. Sie sehnte sich nach den Kindern, denen sie so viel bedeutete. Ein unangenehmes Gefühl wurmisierte in ihr. War es ein schlechtes Gewissen? Witterte sie eine Gefahr? Wie mochte es zu Hause aussehen? Hellmut konnte gut mit den Kindern spielen, das musste sie anerkennen. Aber die tägliche Erziehungsarbeit blieb an ihr hängen, jawohl! Er versuchte, sie, Friderike, auszustechen, indem er die Kinder verwöhnte. Und er ließ die Wohnung verwahrlosen. Sie musste wieder Ordnung schaffen!

            Sie feierten das Hochzeitsfest, Hochzeitsfest, Hochzeitsfest,

            sie feierten das Hichzeitsfest, Hoch-zeits-fest.

Friederike eilte die Treppe hinauf, den Wohnungsschlüssel schon in der Hand.

Im großen Rund des Theaters bauten Hannah, Esther und Hellmut eine lange Tafel auf, an der der König und die Königin, Dornröschen und der Königssohn und die Zuschauer von den Rängen Platz nahmen. Zuletzt kamen auch Knurrps, der Wächter, und Harras, der Schloss-Hund, hinzu.

Da betrat Friderike das Kinderzimmer. – Gespannte Stille. – „Ach, Ihr braucht mich garnicht,“ sagte sie enttäuscht. „Ich bin extra früher losgefahren, gleich nach dem Mittagessen.“ Sie schwieg einen Moment; ihre Enttäuschung füllte den Raum. „Du machst es Dir mit den Kindern gemütlich und mir überlässt Du die Arbeit.“ – Sie machte eine bedrohliche Pause. „Geh jetzt!“ – „Ich habe Esther und Hannah versprochen, dass wir zusammen ein Eis essen gehen.“ – „Das könnt Ihr genau so gut am nächsten Samstag tun. – Geh jetzt!“ – „Du wirfst mich hinaus?“ – „Ja. Wir brauchen Dich hier nicht mehr. Du bleibst in Deinem Büro, wann immer Du willst, jetzt kannst Du bitte mal nach Recklinghausen fahren, weil ich das so möchte.“ – Dem Hellmut verschlug der Zorn die Sprache. So wollte er nicht mit sich umgehen lassen. Aber vor Esther und Hannah wollte er das nicht mit Friederike ausfechten. Die beiden sahen zu, wie ihr Vater seine Sachen zusammenpackte. Wortkarg verabschiedete er sich von ihnen. Sie drängten sich an ihn: „Papa, Papa, Papa, Papa!“

„Herr Hagedorn ist aus dem Haus, den können Sie heute nicht sprechen,“ informierte Edgar Szczeciniak den Anrufer. Szczeciniak wusste, dass sein Chef an einem Regionalen Juristentreffen in Haltern teilnahm. Aber das sagte er Anrufern nicht; das ging niemanden etwas an.

Die Treffen fanden alle vier Wochen am Mittwoch statt. Für ihren Ablauf hatte sich ein fester Ritus herausgebildet: Martha und Hellmut trafen sich um elf Uhr im Hotel Heidehof. Normalerweise bekamen sie das Zimmer 116 mit Blick auf den See. War es ein Zufall oder wurden die Termine für das Treffen von Marthas verlässlichem Eisprung bestimmt? Jedenfalls empfand sie gleich nach dem Erscheinen der Prinzessin in ihrem `Bauch´ die sinnliche Lust am stärksten. Das Paar  trank mehrere Tassen starken Kaffee, Martha rauchte Zigaretten. Sie erzählten von den kleinen Ereignissen der letzten vier Wochen und überwanden die Fremdheit, die sich während dieser Zeit zwischen ihnen eingestellt hatte. Martha schenkte Eierlikör aus, dem sie eine kräftigende Wirkung auf das Fortpflanzungs-System zuschrieb.

Martha und Hellmut kannten sich seit langem. Martha arbeitete als Sozialpädagogin bei einem Jugendamt. Die beiden waren in einem Missbrauchsprozess zusammengetroffen: er hatte die Verteidigung des Angeklagten übernommen, sie war mit der Vertretung des Opfers beauftragt worden. Martha war damals schon verheiratet gewesen. Sie hatte drei Kinder, deren Väter sich ihr `Bauch´ ausgesucht hatte: ihr erstes, einen Jungen, hatte sie frisch verheiratet mit ihrem Ehemann gezeugt, ihre beiden Töchter mit einem Blumenhändler aus Gelsenkirchen und mit dem Leiter der Stadtbibliothek. Alles dies wusste nur sie; ihr Ehemann liebte `seine´ drei Kinder; er lebte mit ihnen wie eine Glucke mit ihren Küken. „Arnold ist ein wundervoller Familienvater,“ hatte Martha ihn beschrieben. „Schon deswegen würde ich mich nie von ihm trennen.“

In Martha war ein Plan gereift: sie wollte noch einmal schwanger werden. Ihr Mann hatte davon gesprochen, dass er sich ein weiteres Kind wünschte, einen Jungen, wenn möglich. Sie war achtunddreißig; die Uhr tickte vernehmlich.

Martha zog Hellmut mit ihren starken Armen an sich und wölbte ihm ihren Unterleib entgegen: „Komm, mein Amor, sie hat Dich so lange vermisst!“. Martha war ein wenig größer als er, eine Handbreit vielleicht; doch durch ihr regelmäßiges Schwimmtraining war sie viel muskulöser. Sie ließ ihre Zunge in seine Mundhöle gleiten. Sie knöpfte sein Hemd auf und zwickte ihn in seine Btustwarzen. Martha liebte keine langwierigen Vorspiele: binnen kurzem drückte sie ihn ins Bett. Sie reichte ihm, wie üblich, ein torpedoförmiges Vaginalzäpfchen, legte sich auf ihren Rücken und spreizte ihre Beine so weit wie die Hampelmänner, die an der Wand über den Betten ihrer Töchter hingen. Hellmut beeilte sich, ihr das Zäpfchen mit gestrecktem Zeigefinger einzuführen. Zehn Minuten mussten sie warten, bis sich das Torpedo in einen schützenden Schaum verwandelt hatte, das war klar. Hellmut zuzelte ihre Brüste, strich über ihren Bauch, drückte ihre Hüften, kraulte ihren drahtigen Busch und sog an dem kleinen Penis in der Spitze ihrer Vulva, der erregt sein Köpfchen herausstreckte. Das Zäpfchen zerfloss; diesmal war es kleiner gewesen als sonst, es war grün und ihm war eine winzig kleine Sonnenblume eingepresst. Es enthielt Milchsäure-Bakterien zur Verbesserung der Scheidenflora, kein Spermizid. Auch das wusste nur Martha.

Martha fühlte seinen Penis im Vorhof ihrer Scheide. Sie legte ihre Hände unter seine Pobacken und zog ihn an sich. – „Komm, komm!“ – Er drang in sie ein. Mit den Händen unter seinem Hintern gab sie den Rhythmus vor. Es wurde ein langer wilder Ritt durch Feld und Flur, über Stock und Stein. Martha duldete keine Pausen. Nach mehreren besonders kräftigen Galopp-Sprüngen schrie Martha ein kehliges „Aaah“. Ihr Bauch wurde von einem kraftvollen, unendlichen Beben erschüttert. Sogleich fuhlte sie sich von Hellmuts Samen überschwemmt, den ihr Bauch gierig einsaugte. „Aaah!“

Lange hielt es Martha nicht im Bett; sie brauchte eine Zigarette, Kaffee, noch eine Zigarette, am Ende der Pause zwei Gläser kräftigenden Eierlikör. „Komm, Hellmut, mein Satyr, auf ein Neues!“

Sie wechselten die Stellung: Hellmut legte sich auf den Rücken, Martha setzte sich auf ihn, ihre Füße standen links und rechts neben seiner Brust, fast unter seinen Achseln. Sie schob sich ein weiteres Sonnenblumen-Zäpfchen ein, wartete aber die gewohnten zehn Minuten kaum ab. Sie sah Hellmut mit einem nach innen gerichteten Blick an, während sie sich sein wieder erstarktes Glied einführte und sich langsam auf seinen Busch hinabließ. Sie beugte sich weit nach hinten und stützte sich mit langen, Armen neben seinen Waden ab. Es war ihre absolute Lieblingsstellung, die Position, bei der sie am meisten empfand. Langsam, aber beständig bewegte sie ihr Becken auf und ab. Sein Glied massierte ihre vordere Scheidenwand. In ihrem ganzen Bauch empfand sie dieses wohlige Gleiten, zunächst sanft, dann zunehmend erregt. Eine lustvolle Spannung baute sich in ihrem Unterbauch auf. Ihre Bewegungen wurden schneller, kantiger, der Druck war kaum noch auszuhalten, schwankte auf schmalem Grad zwischen Lust und Schmerz, ein Spasmus, der sich in einem betörenden Orgasmus entlud. „Aaaaaah!“ Ihre nach hinten gestreckten Arme drohten einzuknicken. Sie lehnte sich weiter zurück. Ihre Vulva sprühte eine Flüssigkeit bis auf Hellmuts Brust, wasserklar und geruchlos. Martha brauchte nur wenige Auf-und-ab-Bewegungen ihres Beckens, um ihren Orgasmus zu wiederholen: „Aaaah!“ – Und noch einmal: „Aaah!“ – Dann kam auch Hellmut. Martha beugtde sich nach vorn und stützte sich auf ihren Armen ab. Ihre Brüste baumelten über seinem Gesicht. Sein Penis stieß kräftig gegen ihre Vulva, während er pulsierte.

Die Pause dauerte diesmal länger. Der Kaffee ging zuende, aber Zigaretten und Eierlikör waren genügend vorhanden.

Bevor sich ein mattes Gefühl ausbreiten konnte, forderte Martha eine weitere Runde, „nach Art der Säugetiere,“ schlug sie vor. Sie wollte von ihrem Bock kraftvoll besprungen werden, bei jedem seiner Stöße würde sie nach vorn geschleudert werden, sie wollte spüren, wie sein Hodensack gegen ihre Vulva klatsche. Sie baute sich vierbeinig vor ihm auf, ihre erwartungsvolle Spalte ihm zugewandt. Sie wackelte mit ihrem Hintern; schade, dass sie nicht blitzen konnte wie eine rossige Pferde-Dame! Hellmut presste sein halbsteifes Glied in ihre Scheide und umklammerte ihre Hüften. Mit halber Kraft und vielen Pausen bewegte er sich hin und her. Martha kam seinen Bewegungen entgegen und zeigte ihm so den ersehnten Rhythmus, aber Hellmut nahm ihn nicht auf. „Die kreatürliche Triebhaftigkeit des Säugetier-Männchens scheint ihm abhandengekommen zu sein,“ dachte Martha enttäuscht. Es war ein Kreuz mit den Männern! Sie waren einfach nicht in der Lage, eine normale Frau zu befriedigen!

Martha schüttelte ihren müden Reiter ab, legte sich auf den Rücken und zog ihre Beine an wie die Hampelmänner über den Betten ihrer Töchter. „Komm´, mein Deckhengst, Deine Stute hat Hunger!“ Mit ihren Händen unter seinen Pobacken konnte sie ihm leichter die Sporen geben. Nach einer Weile griff sie mit einer Hand zwischen seinen Beinen hindurch seinen schwingenden Hodensack. Er reagierte sofort und entleerte, was in ihm übrig war.

Am Nachmittag hatte das Regionale Juristentreffen seinen rituellen zweiten Teil: einen Spaziergang durch die Westruper Heide. Der sandige Weg führte hügel-auf und hügel-ab, vorbei an dichtem Buschwerk, an Wiesen und einzeln stehenden Bäumen. Knorrige Wacholderbüsche würzten das niedrige Gehölz. Hier verhandelten Martha und Hellmut ihre aktuellen Themen. Martha beklagte sich über eine Kollegin, die in Fällen häuslicher Gewalt dem Kindeswohl zu wenig Beachtung schenkte. „Der Vater oder die Mutter als Opfer sind mirr egal,“ ereiferte sie sich. „Die haben sich ihr Los selbst ausgesucht und verfügen über genügend Möglichkeiten, sich daraus zu befreien. Aber die Kinder sind arm dran. Sie können sich ihrem Leiden nicht entziehen. Jeder Schlag, jeder Anbrüller, jede Strafmaßnahme vermindert ihre Chance zu einem glücklichen, gelingenden Leben.“

Hellmut hörte Marthas Erklärungen ungeduldig zu. Sobald sie zwei Atemzüge lang schwieg, ließ er die Bombe platzen: „Ich habe mich von meiner Frau getrennt!“ Seine Stimme drückte aus, dass es sich um eine Heldentat handelte. „Ich bin dabei, mir eine Wohnung in Recklinghausen zu suchen, möglichst in der Nähe meiner Kanzlei, sodass ich kein Auto brauche.“ – Er hatte von Martha mitfühlende Zustimmung erwartet: „Na endlich!“ Statt dessen fragte sie sachlich: „Warum?“

„Das Leben mit Friederike ist unerträglich,“ erklärte er. „Nichts ist ihr gut genug. Alles muss sie kritisieren. Sie ist geschickt darin, mich zu beschämen. Sie kennt meine neuralgischen Punkte. Ihre Anwürfe zielen direkt in mein Selbstwertgefühl. – Und überall wittert sie Konkurrenz, sogar hinsichtlich der Frage, wer von uns beiden besser mit Hannah und Esther umgehen kann. – Sie ist chronisch unzufrieden mit sich selbst und verdirbt dadurch jede gute Stimmung. – Und so weiter,“ unterbrach Hellmut seinen Redefluss. „Die Anklageschrift umfasst viele Punkte.“

„Was ist mit den Kindern? Hast Du sie mitgenommen?“ – „Nein, Hannah und Esther kann ich der Friederike nicht nehmen, sie würde daran zerbrechen.“ – „Papperlapapp!“ – „Ich müste mein ganzes Leben umstellen,“ gab Hellmut zu. „Ich werde sie … “ – „Du bist völlig neben der Spur,“ unterbrach Martha. Erregt blieb sie stehen. Sie sah ihn zornig an. „Siehst Du nicht, welch ein schändliches Verbrechen Du an Deinen Kindern begehst? Für Dich ist das Leben mit Friederike unerträglich; glaubst Du, für Deine Kinder nicht? Du kannst ihre ständige Kritik nicht aushalten; meinst Du, sie prallt an Deinen Kindern ab? Verlass´ Dich d´rauf: Friederike ist geschickt genug, auch bei Deinen Kindern mit ihrer Kritik ins Schwarze zu treffen. Aber bei denen ist es wirksamer als bei Dir, schädlicher. – Bei meiner Arbeit mit gewalttätigen Frauen habe ich festgestellt: für die ist Gewalt ganz selbstverständlich, sie empfinden ihr Verhalten nicht als gewalttätig. Sie ahnen nicht, was sie ihren Kindern antun. – Und ihren Ehepartnern,“ fügte sie leise hinzu.

„Du sagst: Dir vermiest sie die Stimmung,“ fuhr Martha fort. „Meinst Du, dass Deine Töchter unter Friederikes Anleitung zu fröhlichen und ausgeglichenen Frauen heranwachsen? Du machst es Dir leicht: Du haust einfach ab – und Deine Kinder überlässt Du diesem gewalttätigen Springteufel! Was Du da vorhast, ist ein Verbrechen an Deinen Kindern, von dem sie sich nie wieder erholen werden!“

„Ich werde an allen Wochenenden mit Hannah und Esther zusammensein, und in sämtlichen Ferien,“ versuchte Hellmut, seinen Plan zu retten. – „Du spinnst! – Hannah und Esther brauchen eine sichere, stabile Beziehung zu Dir, nicht einen Vater, der sich um sie kümmert, wenn er gerade mal zufällig Zeit hat. Sie brauchen Deine verlässliche Wertschätzung, Deine Ermutigung, sie brauchen Dich als Gesprächspartner, der sie ernstnimmt. Sie brauchen das nicht irgendwann, sondern dann, wenn es gerade nottut. – Friederike kann ihnen das nicht geben. Deswegen bist Du für die beiden so wichtig. Auf Dich kommt es an. – Ich habe Dich bisher als klugen, umsichtigen und einfühlsamen Mann geschätzt, aber was Du Dir da ausgedacht hast, das ist hahnebüchen, egoistisch, voll unter Deinem Niveau.“

Schweigend gingen die beiden hügelauf und hügelab. Durch dichtes, wacholder-durchsetztes Buschwerk führte inr Weg, durch halbhohe Birkenwäldchen und neu angelegte Schonungen. Marthas Empörung war abgeklungen, sie genoss das genaue Licht der Nachmittagssonne und den würzigen Duft der Heide. Von Hellmut wurde beides kaum bemerkt. Während er sich mechanisch fortbewegte, legte er Pläne und Zukunftsvisionen auf die Waage, verglich Bilder verschiedener Lebenssituationen. Martha war klug genug, ihren Mund zu halten.

Auf einer Anhöhe hielt Hellmut inne. „Du meinst, meine Pläne funktionieren njcht,“ stellte er fest. – „Entweder Du nimmst die Kinder mit oder Du bleibst.“ – „Aber Friederike ist immerhin die Mutter,“ wandte Hellmut ein. Er lächelte über seinen Griff in die Mottenkiste. – „Papperlapapp! Friederikes Verhalten wirkt auf die Kinder verstörend, ob sie die Mutter ist oder nicht. Wenn Du mit ihr und den Kindern zusammenbleibst, solltest Du sie nach und nach aus dem Haus drdängen. Lass´ sie sich mit wissenschaftlicher Arbeit zupacken, empfehle ihr Forschungsreisen in andere Bundesländer, ermögliche ihr eine steile Karriere!“ – „Sie erwägt, zusätzlich Theologie zu studieren.“ – „Bravo, dann wäre das Fach endlich einmal zu etwas nütze!“ – „Wenn ich in Münster für Esther und Hannah sorgen will, so wie Du Dir das vorstellst, muss ich meine Kanzlei in Recklinghausen aufgeben,“ sagte Hellmut betrübt. – „Du kannst Dein Büro nach Münster verlegen, Du kannst dort eine Zweigstelle eröffnen, Du kannst von zu Hause aus arbeiten, irgendetwas Vernünftiges wird Dir einfallen.“

Sie schwiegen erneut, bis sie am See-Ufer ankamen. „Warum ist Friederike so wenig triebhaft?“ – Hellmuts Frage war rhetorisch gemeint, sollte um Verständnis werben, aber Martha ging darauf ein: „Weiß ich´s? Vielleicht aus lauter Anstand: ein gutes Mädchen tut so etwas nicht. Vielleicht ist sie eine Sadistin und sieht Dich gern zappeln. Vielleicht aus Selbst-Unsicherheit: sie könnte sich beim Sex eine Blöße geben, etwas falsch machen, den eigenen Ansprüchen nicht genügen. Vielleicht hat sie einfach keinen Bock auf Dich, sondern träumt davon, den türkischen Gemüsehändler zu vernaschen.“

Im Restaurant `Am See´ nahmen die beiden eine kleine Stärkung zu sich. „Es wird darauf hinauslaufen, dass ich weniger arbeite,“ sagte Hellmut versonnen. – „Ein guter Ansatz, wenn Du Dich wirklich verantwortlich für Deine Kinder einsetzen willst,“ bestätigte Mattha und prostete ihm zu.

Am späten Freitagnachmittag öffnete Hellmut die Haustür zu seinem mit Rosenmuster ausgeschlagenen Treppenhaus. – „Guten Abend, Herr Hagedorn!“ Frau Wollenweber stand auf einer kleinen Trittleiter und wechselte die Gardine an einem Fenster neben ihrer Wohnungstür. „Ich habe Sie lange nicht hier gesehen!“ – „Ja, ich hatte viel zu tun in meiner Kanzlei in Recklinghausen. Aber ich habe Vorkehrungen getroffen: künftig werde ich häufiger zu Hause sein.“ – „Ihren Kindern wird das gut bekommen,“ sagte Frau Wollenweber und schob die abgenommene Gardine von der Stange.

Hellmut stapfte die Treppe hinauf. Wie auf Kommando öffnete Friederike die Wohnungstür. „Lässt Du Dich auch mal wieder sehen,“ schrie sie Hellmut an. „Du kannst gleich wieder gehen! Solche Typen wie Dich können wir hier nicht gebrauchen!“ Friederike konnte Frau Wollenweber nicht sehen, die auf ihrem Leiterchen unter dem Treppenabsatz stand und beim Fensterputzen ihre Ohren spitzte. – „Hau ab! Geh´ zu Deinen Eichhörnchen!“ – Hellmut stieg unbeirrt weiter nach oben. Als er seine Wohnungstür erreicht hatte, sprang Friederike auf ihn zu und schlug ihm ins Gesicht. „Die ganze Woche lässt Du mich mit den Kindern allein! …“

Hellmut hatte die Szene vorausgesehen: das übliche Begrüßungswüten. Ruhig wie der Watschenmann im Wiener Prater stand er Friederike gegenüber. Seinen linken Arm hielt er vor seine Brust, wie um ihre Schläge abzuwehren. Die Ärmel seines Oberhemdes hatte er aufgekrempelt; es war ein schwülwarmer Tag. Und wirklich: Friederike kratzte seinen Arm mit ihren Fingernägeln, dass er blutete, und biss in seine Hand, dass ihre Zähne dort Abdrücke hinterließen. – „Du brauchst garnicht so dreckig zu grinsrn,“ sagte sie und schleuderte eine Salve von Faustschlägen gegen seine Brust. Auch an Ohrfeigen sparte sie nicht.

„Du hörst jetzt sofort auf, mich zu schlagen,“ befahl Hellmut, als sich genügend Beweise für die Gewalttätigkeit seiner Frau auf seinem Arm und in seinem Gesicht angesammelt hatten. Eisern hielt er ihre Hände fest. „Ich werde jetzt die Polizei anrufen und Dich für ein paar Tage aus der Wohnung weisen lassen.“ – „Da haben Sie Recht,“ sagte Frau Wollenweber von unten.

Die Polizeistreife erschien nach ungewöhnlich kurzer Zeit. Hellmut führte sie ins Wohnzimmer und erstattete Anzeige gegen Friederike Hagedorn, geborene Röhricht, wegen Hausfriedensbruchs, verzichtete aber auf den Verweis aus der Wohnung. In seinem Köfferchem steckte ein Sieben-Punkte-Plan, der so schnell wie möglich verhandelt werden musste. Der Vertrags-Entwurf sah einen wertschätzrnden Umgang der Ehegatten untereinander sowie mit Hannah und Esther vor, Verabredungen zur Verteilung der beruflichen Arbeit und der Kinderbetreuung unter den Ehegatten und Regelungen zu sexuellen Aktivitäten der Ehegatten innerhalb und außerhalb der Ehe. Die früher getroffenen finanziellen Vereinbarungen konnten im Großen und Ganzen beibehalten werden.

„Wo sind Esther und Hanna?“ fragte Hellmut, als die Polizeistreife abgezogen war. – „Die sind mit Brigitte und Barbara auf einer Geburtstagsfeier. Du kannst sie gleich mal abholen – bitte.“

© Wolfram Reda

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